Als im Jahr 2009 mehr als 200 Asylsuchende aus Afrika in Liechtenstein ankamen, rief die Interessensgruppe Mumas das Tandem-Projekt ins Leben. Ziel ist es, die Asylsuchenden und Flüchtlinge hier zu unterstützen. Heute sind sie erfolgreich integriert. Dennoch sagt die Organisation: Neue Tandem-Partner sind herzlich willkommen.
Abdikarim Mohamud Osman sitzt lächelnd im Wohnzimmer des Aufnahmezentrums in Vaduz. „Wenn etwas schwierig ist, frage ich und sie erzählt“, sagt der Somalier über seine Tandem-Partnerin. Auf die Frage, was ihm an Liechtenstein besonders gefalle, antwortet er: „Alles. Alles ist gut“ Auch lächelnd. Er lächelt überhaupt viel. Mohammud Osman ist einer der wenigen, die noch im Aufnahmezentrum wohnen. Die meisten jener Asylsuchenden, die 2009 ankamen und jetzt noch im Land sind, haben mittlerweile Arbeit und eine eigene Wohnung gefunden – auch dank der Hilfe ihrer Tandem-Partner. Mohamud Osman hat auch Arbeit: Er ist der Hausmeister des Aufnahmezentrums.
Vor allem der Bürgerkrieg in Syrien könnte neue Flüchtlinge nach Europa führen. Liechtenstein erwartet aber keine Flut von syrischen Asylbewerbern. „Die dortige Lage lässt sich schwer einschätzen“, meint Heribert Beck, der Leiter der Abteilung Asyl des Ausländer- und Passamts (APA). Die meisten syrischen Flüchtlinge würden sich in den Nachbarländern aufhalten, und in ihre Heimat zurückkehren, sobald der Bürgerkrieg beendet ist. Der Leiter der Abteilung kann allerdings eine Asylwelle nicht ganz ausschließen. „Niemand hätte im Herbst 2009 mit Eritreern oder Somaliern gerechnet“, erinnert sich Beck. Die meisten Asylsuchenden und Flüchtlinge, die in Liechtenstein leben, stammen dennoch aus diesen ostafrikanischen Ländern.
Nach der Flüchtlingswelle
Im Herbst 2009 erlebte Liechtenstein die grösste Welle von Asylsuchenden in jüngerer Zeit. Mehr als 200 Menschen aus Eritrea und Somalia kamen ins Land. Mittlerweile sind die meisten von ihnen nicht mehr hier. Sie sind entweder untergetaucht oder ihnen konnte einen Einreise über die Schweiz nachgewiesen werden. Die Schweiz hat ein Rückübernahmeabkommen mit Liechtenstein, daher hat das Land diesen Teil der Asylsuchenden übernommen. Laut Heribert Beck befinden sich aktuell 12 Asylsuchende und 16 vorläufig aufgenommenen Personen im Land. Dabei handelt es sich zum Großteil nicht mehr um die Menschen, die 2009 aus Eritrea und Somalia geflohen sind. Mittlerweile sind Asylsuchende aus anderen Ländern hinzugekommen. „Seit dem Jahr 2000 haben in Liechtenstein 24 Personen Asyl erhalten“, bilanziert Beck.
Das Tandem in die Zukunft
Sacha Schlegel (41, aus Balzers) von der Interessensgruppe Mumas (Menschenwürdiger Umgang mit Asylsuchenden) ist Mitorganisator des Tandem-Projekts. „Das Tandem-Projekt ist eine Möglichkeit, etwas hier vor Ort zu tun, nicht einfach Geld irgendwohin zu schicken“, sagt er. Mumas hat das Projekt vor drei Jahren initiiert, als das Thema durch die vielen Neuankömmlinge aktuell war. Ziel ist es, den Asylsuchenden Menschen aus Liechtenstein zur Seite zu stellen, die ihnen bei der Integration im neuen Land helfen. Sie bei der Arbeitssuche zu unterstützen ist eine der wichtigsten Aufgaben der Tandem-Partner. Schlegel erklärt: „Arbeit ermöglicht Selbständigkeit. Wenn sie Arbeit haben, kan können sie sich eine eigene Wohnung leisten, können ihr Leben wieder selbst gestalten und organisieren, haben wieder Zukunftsperspektiven und Arbeit lenkt von ihren zum Teil dramatischen und traumatischen Erfahrungen ab.“
Die Jobsuche ist für Fremde viel schwieriger als für Einheimische. Neben sprachlichen Barrieren besteht oft auch eine gewisse Skepsis der Arbeitgeber, weil es für diese eine neue Situation ist, einen Flüchtling zu beschäftigen. Da müssen die Liechtensteiner Tandem-Partner schon mal vermittelnd eingreifen, Gespräche mit Chefs führen und mit ihren Schützlingen gemeinsam offene Stellen abklappern.
Damit das Tandem-Projekt erfolgreich funktionieren kann, ist von Seiten der Liechtensteiner und der Asylsuchenden Verlässlichkeit notwendig. Beide Partner eines Tandems unterschreiben daher eine Vereinbarung. Diese legt nicht nur die Dauer des Tandems fest, sie verpflichtet auch zu Verantwortung und vertraulichem Umgang mit Informationen.
Das Tandem verspricht nicht nur einseitig Hilfe für Asylsuchende. Den Projekt-Hinweisen auf der Website von Mumas ist zu entnehmen: „Wir erachten Integration als gesamtgesellschaftliches Anliegen. Die Gesamtheit aller Gesellschaftsmitglieder – Zugezogene wie Einheimische – sind Gegenstand der Bemühungen.“ Durch die Erweiterung ihres interkulturellen Verständnisses profitieren auch die Liechtensteiner, die sich als Tandem-Partner engagieren. „Es sind auch schon dauerhafte Freundschaften aus dem Projekt entstanden“, sagt Schlegel.
Spenden als Startkapital
Damit Geld für gemeinsame Unternehmungen da ist, erhält jedes Tandem-Paar einen Betrag von 200 Franken als „Startkapital“. Dieses Geld kommt aus Spenden. Einen wichtigen Beitrag leistet eine Initiative am Liechtensteinischen Gymnasium. Der Vorarlberger Peter Mennel, 51, ist dort Lehrer für Theologie. Als die Kapazitäten des Aufnahmezentrums im Herbst 2009 für die damals nach Liechtenstein kommenden Flüchtlinge nicht mehr ausreichten, wurden einige von ihnen im Luftschutzbunker des Gymnasiums untergebracht. Das nahm Mennel gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern zum Anlass, ein Projekt für „Break the Silence“, die Jugendinitiative der „Ärzte ohne Grenzen“, zu starten. Die Gruppe veranstaltete Aktionen, um über die Situation der Flüchtlinge und die Lebensbedingungen in ihren Herkunftsländern zu informieren. Unter anderem erstellten und verkauften die Schüler Informationsbroschüren. Einen Teil der Erlöse spendeten sie dem Tandem-Projekt.
„Die meisten Eritreer und Somalier sind gut integriert“, erklärt Schlegel. Dazu hat das freiwillige Engagement vieler Einzelner stark beigetragen. „Aber neue Tandem-Partner werden immer gesucht. Es sind neue Flüchtlinge aus anderen Ländern hier.“
Erschienen am 11.9.2012 im Liechtensteiner Volksblatt. Hier als PDF. Wer sich für Mumas und das Tandem-Projekt interessiert, kann sich hier informieren
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