Die fabelhafte Fabsi hat ihr Blog mit einen Text zum Thema Arbeitssuche gestartet. Ich habe dazu vor einiger Zeit auch mal was geschrieben. Mein Text ist zum Vorlesen auf Poetry-Slams gedacht, dafür musste ich ihn allerdings kürzen. Hier also die ungekürzte Version:
Hallo, ich bin der Aki und ich kann keinen Dialekt. Trotzdem komme ich nicht aus Deutschland, sondern aus Versehen.
Seht ihr, ihr lacht! Recherche zahlt sich aus. Ich bin nämlich bis jetzt auf Slams immer am vorletzten Platz gelandet. Außer auf dem letzten Slam, da habe ich mir fest vorgenommen, das zu vermeiden. Man muss nur an sich glauben, das hilft. Ich bin nicht am vorletzten Platz gelandet, sondern am letzten. Damit mir das diesmal nicht passiert, habe ich mir heute Nachmittag auf Youtube Videos von erfolgreichen Slammern angeschaut. Nico Semsrott kam mit dem Witz, den ich vorhin gemacht habe, sogar ins Fernsehen.
Liebe Zuhörer, ich weiß, was ihr jetzt denkt. Ihr denkt: „Wie lahm, er kopiert einfachen einen Witz und glaubt, damit punkten zu können.“ Das kostet mich jetzt sicher ganz viel Sympathie. Aber ihr denkt nicht weit genug. Wisst ihr, womit ich nämlich doch punkten kann: Ich gebe offen zu, dass ich den Witz geklaut habe. Das ist die Ehrlichkeitsmasche, das zieht immer. Außerdem sag ich euch sogar, dass ich den Witz von Nico Semsrott habe und dass er ein ganz toller Slammer ist. Das ist die Fairnessmasche, die macht mich auch wieder sympathisch.
Ich muss Tocotronic recht geben, die haben nämlich gesagt: „Talent borrows, genius steals“. Das haben sie von Oscar Wilde geklaut. Und wenn Tocotronic klauen dürfen, dann darf ich das auch.
Das war jetzt die Imagemasche. Ich hab gerade das selbe gemacht wie Josef Pröll. Der ist nämlich nicht cool. Aber er hofft, dass mit der Superpraktikantenaktion etwas vom Image der Castingshows auf ihn abfärbt. Eine gute Masche, das es funktioniert wirklich. Leider hat Pröll ein schlechtes PR-Team, Castingshows haben nämlich kein cooles Image.
Das war jetzt übrigens die Politikmasche. Ich kann darauf vertrauen, dass ihr, liebe Zuhörer, euch für liberale, kritisch denkende Linke haltet und darum Josef Pröll scheiße findet.
Aber Schluss mit den Maschen! Wisst ihr, warum ich das wirklich mache? Ich muss diesen Slam gewinnen. Ich habe so wenig Geld, dass ein Sieg einen wichtigen Teil meines Einkommens ausmachen würde. Ich denkt euch jetzt sicher: „Jetzt zieht er die Mitleidsmasche ab. Wie erbärmlich!“ Ich will gar nicht wissen, wieviel Sympathie mich das kostet. Aber wisst ihr was? Es ist leider wahr. In meinem Kalender standen heute drei Einträge: Arbeitsamt, Sozialamt, Poetry-Slam.
Beim Arbeitsamt war ich, um einen Antrag auf Arbeitslosengeld abzugeben. Das mache ich, weil ich mir Sorgen mache nicht schnell genug einen Job zu finden und dann ohne Geld da zu stehen. Es war ganz in Ordnung dort, in zwei Wochen kann ich die fehlenden Unterlagen für den Antrag nachreichen, in noch ein paar Wochen mehr bekomme ich Bescheid und in zwei Monaten habe ich einen Termin bei einem Berater. Der Beamte war wohl schlimmere Fälle als mich gewohnt und schien sich nicht wirklich Sorgen zu machen.
Danach war ich beim Sozialamt, weil ich als geringfügig Beschäftigter nicht pflichtversichert bin. Die Beamtin dort scheint sich auch keine wirklichen Sorgen um mich zu machen. „Und bis meinen Antrag auf Arbeitslosengeld bewilligt ist und ich drüber versichert bin, habe ich wahrscheinlich schon wieder einen Job.“, erkläre ich ihr. „Sie sind jung und gesund. Warum haben sie sich überhaupt arbeitslos gemeldet?“, meint sie. „Ja, stimmt eigentlich.“, sage ich lächelnd und gehe. Aber lieber hätte ich ihr gesagt: „Weil ich Angst habe. Weil ich Angst habe, dass ich vielleicht doch nicht so schnell einen Job finde. Weil ich Angst habe, dass ich vor ein Auto laufe und ich dann die Krankenhauskosten nicht bezahlen kann und auch kein Geld bekomme für die ganzen prekären Jobs auf Werkvertragsbasis die ich dann nicht machen könnte, dass ich meine Wohnung nicht mehr bezahlen könnte und dass es dann schnell aus sein könnte mit der Gesundheit und der Jugend. Und dagegen würde ich mich gerne absichern.“
Die meisten Leute dort am Sozialamt und am Arbeitsamt haben wohl wirklich größere Schwierigkeiten als ich. Ich verstehe, dass die Beamten meine Probleme nicht ganz ernst nehmen. Aber ich habe auch das Gefühl, dass das alles zu langsam geht und dass zu spät geholfen wird: Nämlich erst dann, wenn die Leute in wirklichen Schwierigkeiten stecken, nicht schon, wenn Gröberes noch zu vermeiden wäre.
Daran musste ich denken, als ich heute Nachmittag darüber gegrübelt habe, was einen Slamtext gut macht. Und ich musste auch daran denken, dass die meisten Leute, die ich heute auf den beiden Ämtern gesehen habe das nicht sagen werden. Weil sie nicht den Mut dazu haben, weil sie es nie üben konnten, weil sie keine Gelegenheit dazu haben, warum auch immer…. sie werden es jedenfalls nicht tun.
Mich macht es zornig, dass man erst hilflos sein muss, um Hilfe zu bekommen. Mich macht das zornig und es macht mir Angst und ich habe die Möglichkeit, das zu sagen. Darum tu ich es. Vielleicht gewinne ich, vielleicht nicht. Aber ich habe es gesagt.
Gute Masche, die „Gerechter Zorn“-Masche, oder? Hab ich von Bill Hicks geklaut.
Schreibe einen Kommentar